Radka Bzonkova: Eduard Limonov: Romantiker und Faschist: Ėduard Limonov und die Ästhetisierung der Politik durch die Nationalbolschewistische Partei in Russland

05/08/2013 13:48

Ėduard Limonov ist ein bekannter russischer Schriftsteller und seit den frühen 1990er Jahren in der russischen Politik tätig. Seit 1994 ist er Vorsitzender und, seiner eigenen Darstellung zufolge, „Führer“ der Nationalbolschewistischen Partei (NBP). Diese Partei vereinigt radikale Linke und Rechte und tritt als Opposition gegen das herrschende politische System in Russland auf. Die NBP unter Limonov zeichnet sich dadurch aus, dass sie viele künstlerische und ästhetische Elemente in ihre politische Arbeit aufgenommen hat. Diese Vorgehensweise zeigt zwar kaum politische Erfolge, brachte Limonov jedoch große Bekanntheit in Russland ein. In diesem Artikel analysiere ich Limonovs Verwendung des Topos des „Führers“, die sich an den italienischen Faschismus anlehnt und zugleich die wichtige Funktion der Ästhetik in der Politik Limonovs aufzeigt.

 

1. Limonov als Faschist

 

Seit der Gründung der NBP stilisiert sich Limonov als „vožd’“ [„Führer“] der Bewegung. In der Parteizeitung „Limonka“[1] führt er eine Rubrik unter dem Titel  „Slovo voždja“ [„Das Wort des Führers“]. Hier findet der Leser emotionale Äußerungen Limonovs zur gegenwärtigen Politik, die an die Mitglieder der Partei gerichtet sind[2]. Auch seine ehemalige Ehefrau Ekaterina Volkova vertritt die Überzeugung, dass sie während ihrer Ehe mit Limonov mit einem „Führer“ zusammengelebt habe (Kondukov, A.; Grinshpun, P. 2006::28-33). Die meist jungen Mitglieder der NBP bezeichnen Limonov einstimmig als ihren „vožd’“ und zeigen seine Fotos auf ihren Blogs und Facebook-Profilen[3].

Die Selbstbezeichnung als „Führer“ verweist in provokativer Weise unter anderem auf Adolf Hitler. Limonov selbst weist diese Interpretation nicht zurück. Sein Spiel mit dem Faschismus und der Figur Adolf Hitlers wird auch anhand einer Photographie deutlich, die ein Parteimitglied der NBP in einem Buch veröffentlicht hat: Diese Photographie zeigt einen Mann in der Verkleidung Adolf Hitlers, der die Hand einer schönen Frau hält. Die Szene spielt sich im Hauptquartier der NBP, dem Moskauer „Bunker“, ab. Der Autor des Buches, Aleksej Cvetkov, bezeichnete diese Photographie als „eine von vielen provokativen Performances im Bunker“. (Cvetkov 2008:77).

Walter Benjamin analysierte die Rolle des Führers in der Zeit des Faschismus in dem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1935). Benjamin spricht hier über die Ästhetisierung der Politik durch den Faschismus, die schließlich zum Weltkrieg führte. Der Führerkult dient im faschistischen Regime der besseren Organisation und der Beherrschung der Massen: In den Worten Benjamins werden die Massen durch den Führerkult vergewaltigt (Benjamin 2003:46). „Die Masse werde gelenkt und verführt, indem man ihr die Möglichkeit zum Ausdruck, nicht aber ihr Recht zukommen lasse.“ (Anders 2006:100). Die Figur des „Führers“ wird bei Benjamin aus der Kunst abgeleitet: Das Bild des „Führers“ dient dazu, die Massen von sich selbst zu entfremden. Die Massen beziehen sich auf das Bild des Führers und schauen erst danach wieder auf sich selbst zurück. So entsteht eine Distanz in der Selbstwahrnehmung, ähnlich wie beim Betrachten eines Kunstwerks. Diese Distanz, abgeleitet aus der Autonomie der Kunst, führt zu einem Zustand der Passivität der Massen und ermöglicht somit ihre Beherrschung (Magid 2010:79).

Limonovs Topos des „Führers“ unterscheidet sich jedoch von der Konzeption Walter Benjamins. Er ästhetisiert die Politik und betont dabei seine Inspiration durch den italienischen Faschismus. Seine Funktion als Führer der Partei ist aber eine entgegengesetzte. Da, wo Benjamin eine ideologische Vereinigung mit den Massen sieht, hebt Limonov die Verschiedenartigkeit innerhalb der NBP hervor. Das bezieht sich insbesondere auf den aus politischer Sicht unerklärlichen Zusammenschluss von extrem Rechten und Linken in einer Partei. Da, wo Benjamin einen Prozess beobachtete, in welchem die Massen durch eine Spiegelung in der Person des „Führers“ in Passivität verfallen, entsteht in der Partei Limonovs eine fiebrige und selbständige Aktivität mit vielen politische Aktionen und Performances.

 

2. Limonov als Romantiker

 

Die NBP hat sich in ihrem Parteipresseorgan „Limonka“ bereits 1996 von Ideen des deutschen Nationalsozialismus losgesagt:

 

«Гитлеристы», до дури в башках спорящие о свастиках и происхождении русских от этрусков, об ариях, Перуне, Свароге, тоже музейные экспонаты и больше походят на чокнутых завсегдатаев конференций в краеведческом музее, чем на политических активистов. В политике, как правило, совершенно неупотребимы. Хорошо смотрятся на антифашистских теле-шоу в качестве отрицательных примеров.[4] (НБП 1996)

 

Der Faschismus hat also in der Partei einen anderen Ursprung und trägt eine andere Bedeutung.

Die spezifische Verkoppelung von Ästhetik und Politik wurde von dem Komponisten und Mitglied der NBP Sergej Kurechin formuliert. Kurechin ist eine berühmte Figur der intellektuellen Kreise in Leningrad/St. Petersburg und einer der postmodernen Komponisten in der russischen Musik. Er trat 1994 der NBP bei und 1995 wurde eine Wahlkampagne der Partei von Kurechins Konzerten begleitet. Kurechin erklärte sein Verständnis des Faschismus in einem Interview mit Ėduard Limonov, und Limonov seinerseits greift diese Interpretation des Faschismus in seinen literarischen Werken mehrmals auf (Limonov 2001:394-411):

 

А под фашизмом в чистом виде я понимаю романтизм. Если доводить романтизм до логического конца, он приводит к фашизму. Если вы романтик по ощущениям — вы должны обязательно остановиться. Иначе будете фашистом. Либо следовать до конца и становиться фашистом, либо отрицать романтизм.[5] (Limonov/Kurechin 1996:)

 

Kurechin versteht den Faschismus als eine Weiterführung der Romantik, und diese Linie wird auch von Limonov unterstützt. Das romantische Element, das Limonov wichtig ist, kann man auch in seinem literarischen Werk finden. Eine innere romantische Dynamik erscheint in mehreren Büchern Limonovs, ganz offensichtlich tritt sie jedoch in der Essaysammlung „Svjaščennye monstry“ [ „Heilige Monster“] hervor. (Limonov 2003). Limonov stellt hier verschiedene bekannte Figuren der Weltgeschichte vor und kommentiert sie auf eigenwillige Weise. Vladimir Lenin steht hier neben Adolf Hitler, der Sänger John Lennon wird in einem Atemzug mit dem Mörder Charles Manson genannt. Die kommentierten Figuren sind grundverschieden, das Prinzip der Gegenüberstellung von Extremen wird aber durch die Struktur des Werkes deutlich. Alle Helden des Buches werden in einem Prinzip vereint: sie handeln aktiv und autonom, sie stehen außerhalb der gewöhnlichen Parameter, Modelle und Normen der Gesellschaft. In diesem Werk aktualisiert sich also die romantische Gegenüberstellung des Künstlers (des Genies) gegenüber dem Bürger (der Menge).

 

3. Der politische Stil der Jugendlichkeit

 

Die romantische Ordnung der Welt, die ständige Spannung zwischen dem Künstler und den Bürgern, spiegelt sich auch im politischen Leben der NBP wider. Die Gegenüberstellung von Extremen, wie z.B. die Nennung eines Pazifisten neben einem Tyrannen in einem Werk – entspricht der Situation der Partei, die extreme Rechte und extreme Linke in sich verbindet. Es gibt Meinungsvielfalt innerhalb der NBP über das Leben, die Politik und die Kultur. Trotzdem sind die Mitglieder der NBP durch das romantische Klischee der Opposition zwischen dem Künstler (Genie) und dem Bürger (Menge) vereint: Sie verstehen sich als eine Elite, als eine junge intelligente Bohème, oder – um es in dem revolutionären Vokabular der Partei auszudrücken – als Revolutionäre.

Die Eigenartigkeit der Mitglieder wird durch ihren Kleidungstil und ihre Selbstrepräsentation verstärkt. Der spezifische Stil der NBP-Mitglieder ist auf politischen Demonstrationen nicht zu übersehen. Besonders in den 1990er Jahren spielte ihr Stil eine entscheidende Rolle. Die NBP als ein neuer Stil in der russischen Politik wurde auch von anderen Autoren, oppositionellen und gesellschaftlichen Figuren wahrgenommen und beschrieben. Ein junger Punkautor, der sich DJ Stalingrad nennt, beschreibt seine erste Begegnung mit Mitgliedern der NBP auf einer Demonstration folgendermaßen:

 

Собрались наши потихоньку, ботинки – такие-же красные, как и флаги. Рядом – внушительная колонна в черном, выглядят очень сурово и революционно-романтически. В центре стоит белокурая красавица в черном милитари, опершись на древко знамени с черным серпом и молотом, шутит с бойцами и угощает их сигаретами. Да... нам до них далеко.[6] (DJ Stalingrad 2011:22)

 

Die ästhetische Andersartigkeit und der besondere Stil funktionieren in der NBP als ein Prinzip, das oberhalb der politischen Inhalte funktioniert und eine entscheidende Rolle spielt. Das künstlerische Prinzip der Innovation, der Neuartigkeit und Nicht-Alltäglichkeit liegt der politischen Selbstreflektion der Mitglieder der NBP zugrunde und bringt immer wieder neue Energie für die Bewegung hervor. Dies ist auch der Grund, warum die Partei gerade unter jungen Menschen in Russland beliebt ist.

Limonov versteht das künstlerische Moment der Innovation als einen Schlüssel für seine politische Arbeit. Er sieht sich als eine Leitfigur für junge Menschen in Russland, weil er seiner Meinung nach durch die Kunst immer aktuell und gegenwärtig in der Politik bleibt:

 

Я оказался нужен в этой стране только молодежи! ... Я не молод. Но я суперсовременен. А молодежь всегда современна или хотя бы хочет быть. Поэтому я им не только ровня по современности, но много современнее, чем они. И это их увлекает. Кто еще может вести ребят, как не автор «Дневника Неудачника», «Великой Эпохи», «Дисциплинарного Санатория», «Убийства Часового»? Кто?[7] (Limonov 1994:16)

 

Das Attribut „jung“ trägt also weniger eine biologische als vielmehr politische Bedeutung und bezieht sich auf die jungen Menschen bzw. die Jugendlichkeit der Partei. Die NBP basiert auf einer Konzeption der Jugendlichkeit, die durch Limonov als „Führer“ repräsentiert wird. „Jung“ heißt im Vokabular der NBP „avantgardistisch“, was wichtig für Limonov als Dichter in den 1960er Jahren war, in der Zeit seiner eigenen Jugend und in der Zeit der Wiederentdeckung der Avantgarde in der russischen Untergrunddichtung. Avantgarde und Stil sollen dem Parteiorgan „Limonka“ zufolge der Überzeugung dienen. Die Ästhetik soll eine entscheidende Rolle in der aktiven politischen Handlung der Menschen spielen. Dieses Konzept erinnert an die Untergrundkultur in der Sowjetunion der 1960er und 1970er Jahre, zu der auch Limonov selbst zählte. Politische Tätigkeit war damals nicht möglich, man konnte sich aber durch eine eigene Kultur und einen eigenen Stil von der „Masse“ unterscheiden.

 

4. Kinematografischer Politikstil

 

Limonov schuf einen eigenen politischen Stil, den man als „kinematografisch“ bezeichnen kann. Seine Politik baut auf eindrucksvollen Szenen, starken Symbolen und einem schnellen Filmschnitt auf. Limonov hat diesen Politikstil während seiner Teilnahme an den Balkankriegen in den 1990er Jahren erschaffen, in denen er als Söldner diente. Die Politik und das Leben in der Kriegzeit waren blutig, schnell und voller Gefahren. Genau diese Vorstellung der Politik hat Limonov auf seine politische Tätigkeit in Russland übergetragen. In seinen Erinnerungen beschreibt er eine Begegnung mit dem serbischen General Arkan, in der er genau die Momente hervorhebt, die seine ästhetische und kinematografische Vorstellung von der Politik geformt haben: 

 

У Аркана был яркий вкус и стиль – может быть гангстерский, да... Эта первая картина меня навеки поразила... эти цветы, девушки, оружие, канонада, бегающие в полной боевой выкладке добровольцы за окном – все это повлияло на меня тогда очень. Повлияло на мое решение уйти в политику. Потому что политика показалась мне вначале такой вот – красивой, кинематографичной, героичной.[8] (Limonov 2001:353)

 

Später, in Russland, beschreibt Limonov die russische Politik mit ähnlichem Pathos:

 

Когда дубовые головы «интеллектуалов» недоумевают, почему мне интересна политика, я поражаюсь их дубовой нечувствительности. Русская политика так же чувственна, романтична и героична, как русская поэзия. Тот, кто не чувствует героической стихии митингов, демонстраций, стычек с вооруженными псами-рыцарями из ОМОНа, кого никак не колышут народные шествия, флаги, крики, речи, столкновения, борьба, кровь, пролитая в этой борьбе,— тот просто биологически неполноценен. В таком человеке отсутствует азарт, вдохновение, перец и соль,— он безжизненен,— кусок мыла, а не человек.[9] (Limonov 1994:16)

 

Zu dem kinematografischen Politikstil Limonovs gehört auch ein Medienbild, das ihn als „Führer“ einer extravaganten Partei darstellt. In den 1990er Jahren wurde Limonov zum Lieblingshelden der russischen Illustrierten und Lifestyle-Zeitschriften, sein Weblog (Limonov 2012) ist voll von privaten Photos. Limonov stellt sich der Öffentlichkeit als Superman (Kondukov, A.; Grinshpun, P. 2006) und Superliebhaber vor und stilisiert sich zu einer Art Popstar.

 

5. Die verlorene Aktualität der Ästhetik in der NBP

 

Auf der Grundlage dieser Konstellation des Politischen und Ästhetischen stellt sich die Frage, ob es sich im Fall der NBP um eine politische Partei handelt oder ob die NBP nicht vielmehr ein postmodernes mediales Produkt ist, das nur zufällig die Form einer politischen Partei in der Öffentlichkeit nutzt. Diese Frage wurde auch innerhalb der NBP diskutiert und führte zu Spaltungen zwischen ihren Anhängern. So ist 2005 z.B. eine Splittergruppe aus der Nationalbolschewistischen Partei hervorgegangen, die keinen besseren Namen gefunden hat als „Nationalbolschewistische Partei ohne Limonov.

Auch Limonovs Partei hat sich nach dem staatlichen Verbot der NBP im Jahr 2007 verändert. Die NBP existiert heute nicht mehr als Partei im eigentlichen Sinne, weil die Verwendung ihres Namens, ihrer Symbolik und ihrer Slogans in der Öffentlichkeit verboten ist. Auch der spezifische Kleidungstil verlor nach 2006 an Bedeutung. In diesem Jahr, 2012, wurde die NBP Teil einer größeren Oppositionsbewegung „Drugaja Rossija“ [„Anderes Russland“]. Die NBP hat begonnen, mehr Aufmerksamkeit für Menschenrechte in Russland, für die Freiheit der Presse und für freie und faire Wahlen einzufordern. Die Frage nach der Revolution stellt sich den heutigen Mitgliedern nicht mehr in derselben Dringlichkeit wie zuvor, sie glauben vielmehr an kleinere Veränderungen im politischen System Russlands (Bzonkova 2011). Alle diese Beobachtungen weisen darauf hin, dass die Ästhetik, die eine entscheidende und führende Rolle in der politischen Tätigkeit der NBP in den 1990er Jahren gespielt hat, ihre zentrale Bedeutung nach 2005/2006 verloren hat. Sie ist in den letzten Jahren eigentlich nur noch in dem Werk und Schreiben von Ėduard Limonov zu beobachten.

 

6. Literaturverzeichnis

 

Anders, J. 2006 „Auf Poesie ist die Sicherheit der Throne gegründet“: Huldigungsrituale und Gelegenheitslyrik im 19. Jahrhundert. Frankfurt am Main, 100. (Historische Politikforschung)

Benjamin, W. 2003 Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt am Main.

DJ Stalingrad. 2011. Исход. Санкт-Петербург

Bzonkova 2011. Interview der Autorin mit Mitgliedern der NBP, Moskau, März 2011

Magid, V. 2010. Od estetizace politiky k politizaci umění a zpět. Kritika depolitizovaného rozumu. Praha.

 Kondukov, A.; Grinshpun, P. 2006.Kratkovremennyj vozhd. In: Rolling Stone. http://www.rollingstone.ru/media/pdf/2006/rs_02-2006.pdf Zugriff 19. Februar 2012.

Limonov, Ė. 1994. Anatomija geroja. Moskva, 216.

Limonov, Ė, Kurechin, S. 1996. Jesli vy romantik – vy fašist! In: Elementy 8. http://arcto.ru/modules.php?name=News&file=article&sid=530 Zugriff 19. Februar 2012

Limonov, Ė 1994. Limonov protiv Žirinovskogo. Moskva, 16.

Limonov, Ė.  2001. Kniga mertvych. Sankt-Peterburg, 353.

Limonov, Ė.  2003. Svjaščennye monstry. Moskva.

Limonov, Ė.  2012 Ėduard Limonov vne politiki. In: Live Journal. . http://ed-limonov.livejournal.com/ Zugriff 19. Februar 2012

НБП без Лимонова http://www.nb-info.ru/project.htm Zugriff 19.Februar 2012

НБП 1996. НБП обращается к революционному авангарду культуры. In: Лимонка 42 http://limonka.nbp-info.ru/042_article_1226840959.html Zugriff 19.Februar 2012

Cvetkova, A. 2008. Dnevnik gorodkogo partizana.  Sankt-Peterburg,  77



[1] dt. Übersetzung „Handgranate“  mit Anspielungen auf den Namen Limonovs und „Zitrone“ (russ. Limon)

[2] In der Ausgabe 221/Mai 2003 der Parteizeitung „Limonka“ sind in der Rubrik „Slovo voždja“ folgende Zeilen zu lesen: „На вопрос: ‚Кто ваша мать, пацаны?‘ – следует ответить: ‚РОССИЯ!‘ На вопрос: ‚Кто ваш отец, пацаны?‘ – буду рад, если вы хотя бы раз крикнете: ‚ВОЖДЬ!‘ До скорой встречи. Всех обнимаю. Vožd’ 25.04.2003g.“ [Übersetzung]

[3] Ein Beispiel ist das Profil von Anna Belokopytova im russischen sozialen Netz „Moj mir“. Anna hat folgende Überschrift fürein Foto Limonovs gewählt: „Эдуард Лимонов, вождь доблестной партии национал-большевиков“ [Übersetzung] http://foto.mail.ru/mail/alina_nbp/_myphoto/7.html  Zugriff 19. Februar 2012.

[4] Die ‚Hitleristen‘, die sich bis aufs Blut über Hakenkreuze und die Abstammung der Russen von den Etruskern, über Arier, Perun und Svarog streiten, sind ebenfalls museale Ausstellungsstellungsstücke und ähneln eher den verrückten Dauergästen von Konferenzen in einem Heimatkundemuseum als politischen Aktivisten. In der Politik sind sie in der Regel nicht zu gebrauchen. In antifaschistischen Fernsehshows machen sie sich in Form von Negativbeispielen gut.

 

[5] Und unter Faschismus in Reinform verstehe ich Romantik. Wenn man die Romantik zu ihrem logischen Ende führt, führt sie zum Faschismus. Wenn Sie von Ihren Empfindungen her Romantiker sind, dann müssen Sie unbedingt stehen bleiben. Andernfalls werden Sie zum Faschisten. Entweder folgt man ihr bis zum Ende und wird zum Faschisten, oder man negiert die Romantik.

 

[6] Langsam machen sich die unsrigen bereit, die Schuhe – ebenso rot wie die Flaggen. Daneben – eine imposante Kolonne in schwarz, die sehr streng und revolutionär-romantisch aussieht. Im Zentrum steht eine blonde Schöne in schwarzer Militäruniform, die sich an die Stange einer Fahne mit schwarzem Hammer und Sichel stemmt, mit den Soldaten scherzt und ihnen Zigaretten anbietet. Ja … wir sind weit von ihnen entfernt.

[7] Es hat sich gezeigt, dass ich in diesem Land nur von der Jugend gebraucht werde! … Ich bin nicht jung. Aber ich bin superaktuell. Und die Jugend ist immer aktuell oder möchte es zumindest sein. Deshalb bin ich ihnen nicht nur ebenbürtig, was die Aktualität betrifft, sondern ich bin noch viel aktueller als sie. Und das begeistert sie. Wer könnte diese Leute führen, wenn nicht der Autor von ‚Tagebuch eines Pechvogels‘, ‚Die große Epoche‘, ‚Das Disziplinarsanatorium‘, ‚Die Ermordung des Wachmanns‘? Wer?

[8] Arkan hatte einen markanten Geschmack und Stil – vielleicht der Stil eines Gangsters, ja … Dieses erste Bild erstaunte mich nachhaltig … diese Blumen, die Mädchen, die Waffen, der Kanonendonner, die vor dem Fenster in komplettem Sturmgepäck herumrennenden Freiwilligen – all das hat mich damals sehr beeinflusst. Es hat meine Entscheidung beeinflusst, mich der Politik zu widmen. Weil mir die Politik am Anfang ebenso erschien – schön, kinematographisch, heldenhaft.

[9] Wenn sich diese intellektuellen Holzköpfe wundern, warum ich mich für Politik interessiere, staune ich über ihre mangelnde Empfindsamkeit. Die russische Politik ist empfindsam, romantisch und heldenhaft, ebenso wie die russische Poesie. Derjenige, der die heldenhafte Poesie der Meetings, der Demonstrationen, der Scharmützel mit den bewaffneten Hunde-Rittern des OMON nicht fühlt, wen die Volkszüge, Flaggen, Schreie, Reden, Zusammenstöße, der Kampf, das in diesem Kampf vergossene Blut, so gar nicht bewegen, der ist einfach biologisch unvollkommen. In einem solchen Menschen fehlt der Eifer, die Begeisterung, Pfeffer und Salz, er ist leblos, ein Stück Seife, aber kein Mensch.